Eigenverantwortung auf dem Klo

Manchmal nimmt man an merkwürdigen, jedoch auch erhellenden Veranstaltungen teil. 

 

So geschehen vor kurzem in meinem beruflichen Umfeld. 

 

In Deutschland gibt es DIN-Vorschriften für fast alles. Das wissen wir alle. Aber wußten Sie auch detailliert, was alles so "zu unserer Sicherheit" geregelt wird? Ich vermute nicht. Ich bisher auch nicht.

 

Geregelt wird beispielsweise, wann ein Arbeitsunfall ein Arbeitsunfall ist. Dazu gibt es unterschiedliche Rechtsgrundlagen und Verordnungen. 

 

Geht ein Mensch zur Arbeit, oder von dieser nach Hause, ist dies im Sinne der Ausführung der Tätigkeit geschehen und somit ein Arbeitsweg. Und fährt ihn dabei ein Bus über die Füße, ist dies ein Wegeunfall und damit ein Arbeitsunfall. Soweit sinnvoll, denn der Mensch würde diese Wege ohne die berufliche Verpflichtung  nicht machen.

 

Geht ein Mensch während seiner Pause für den Arbeitgeber einkaufen, gilt Selbiges, da auch hier der Weg im Sinne der Tätigkeit vollzogen wird.

 

Geht ein Arbeitnehmer während seiner Pause jedoch für sich selbst einkaufen und rutscht auf einem Salatblatt aus, ist dies im eigenwirtschaftlichen Interesse gewesen und damit tritt nicht der Arbeitgeber ein. 

Auch in diesem Fall kann man mit gesundem Menschenverstand folgen. Wird Salat für die Firma gekauft und rutscht man aus, zahlt der Arbeitgeber das Gipsbein, kauft man Salat für sich selbst, dann nicht. 

 

Hat nun die Firma eine Mitarbeiterküche und schneidet der Mensch hier Obst für einen Obstteller auf, gilt das Selbe. 

 

Tut der Arbeitnehmer dies während seiner Pause, wird es kompliziert. 

Der Weg in die Küche ist dann noch über den Arbeitgeber versichert. Schneidet der Arbeitnehmer das Obst nun im eigenen Interesse, also um es während seiner Pause selbst zu verzehren und schneidet sich in den Finger, ist das wiederum eigenwirtschaftlich und nicht vom Arbeitgeber versichert. 

 

Um es noch deutlicher zu machen: geht ein Arbeitnehmer während seiner Pause auf die Toilette und stößt sich den Kopf mit anschliessendem Schleudertrauma auf dem Weg dorthin, zahlt die Firma. Geht er während seiner Pause auf die Toilette und setzt sich daneben mit gebrochenem Steißbein, zahlt er selbst. Auf deutsch: der Weg ist versichert, die Tätigkeit de facto nicht, denn sie zählt zur Pause. 

 

Warum ist das Ganze nun überhaupt erwähnenswert?

 

Naja, ich muß dann immer an das Buch "Deutschland schafft sich ab" von Sarrazin denken. 

 

Eine kollektive Eigenschaft der Deutschen ist die Sorgfalt. Wir arbeiten hier kollektiv in allen Belangen sehr sorgfältig und bis ins Detail durchdacht. Dies unter anderem hat zu den vielen Erfindungen geführt, die Deutsche in den Jahrhunderten gemacht haben. Sorgfalt führt also im Grunde zu Qualität. Made in Germany. 

Diese Qualität ist übrigens so gut, dass nach dem zweiten Weltkrieg die US-Amerikaner sehr gerne unendlich viele Patente und Wissenschaftler aus Deutschland entwendet haben. Dies hat ihnen einen nach Experten berechneten Forschungsvorsprung von ca. zehn Jahren gebracht. Operation paperclip

 

Diese Überregulierung, die sich heute nun zeigt und die das obige völlig surreale Beispiel gut beschreibt, führt in ihrer Sorgfalt nun aber nicht zu einem produktiven Ergebnis, wie beispielsweise zu einer patentierten Erfindung, sondern sie kreist um sich selbst, ist reiner Selbstzweck. 

 

Und damit geht es inhaltlich in Deutschland aber eben nicht weiter, sondern in den Firmen wird mit ad absurdum geführter Arbeitssicherheit die innovative Produktivität gebremst. 

 

Was ich aber viel schlimmer finde, ist die dadurch suggerierte Botschaft an die Arbeitnehmer: "Du kannst nicht eigenverantwortlich auf dich selbst achten und deshalb regel ich Arbeitgeber das für dich". Die Menschen nehmen diese Botschaft dann - meist unreflektiert - auf und lernen quasi: " ich kann nicht Verantwortung tragen und auf mich selber achten. Es ist besser jemand sagt mir, was richtig ist". 

 

Und jetzt kommen gesamtgesellschaftlich plötzlich Situationen auf die Menschen zu, in denen aber Eigenverantwortlichkeit gefragt ist. In denen sie selbst auf sich ( und ihre Grenzen ) achten müssten.

 

Und ich frage nun: wie denn? Wie sollen das, kollektiv gesehen, Menschen machen, die in jedem Lebensbereich darauf konditioniert wurden, eben nicht eigenverantwortlich zu denken und zu handeln? Denen sogar bis ins Detail, mit deutscher Sorgfalt, erklärt wurde, wann man sich wie zu verhalten hat, damit "nichts passiert".

 

Und so passiert dann auch nichts. 

 

Gratulation! Die dahinter stehende Agenda ist gut durchdacht. 

 

Aber! Diese Situation in Deutschland ist ein Schachspiel. Und dabei zählt niemals der kurzfristige Erfolg, sondern allein die umfassende Strategie, um am Ende des Spiels erfolgreich zu sein. Und dies hat eben genannte Agenda der Abschaffung Deutschlands nicht. 

 

Unterschätze niemals den Springer. 

 

Unterschätze niemals die kollektiven Eigenschaften dieses Volkes. Und dazu gehört unter anderem Sorgfalt. Auch Sorgfalt beim Einnehmen der roten Pille.

 


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