Aufgeblasenes Ego!

Zwei junge Damen sitzen neben mir im Cafe und plaudern. Beide sind perfekt geschminkt, adrett gekleidet und gepflegt. Nach einer Weile kann ich mich kaum mehr auf die Unterhaltung mit meinem Gesprächspartner konzentrieren. Die sehr hohe Modulation der Stimmen der beiden Damen gepaart mit der Frequenz, die mich an das Vorspulen meines Kassettenrekorders erinnert, hinterlassen in meinem Kopf Synapsenknoten. Leider ist auch die inhaltliche Tiefe des Gespräches der Beiden übersichtlich. Ich ertappe mich dabei, ihnen gedanklich gern mit einer Stopp-Taste eine Pause gönnen zu wollen, pfeife mich aber dann selbst zurück. Was genau stört mich derart, dass ich in Resonanz gehe? Soll doch jeder nach seiner Facon glücklich sein.


Was mich stört? Das ist eigentlich mehr als das belanglose Geplapper der beiden jungen Frauen. Es ist die Erinnerung daran, dass meine Töchter früher gerne Sendungen wie "Hanna Montana" schauen wollten. Was ich verbat. Genau aus dem Grund, weil die Frequenz und Modulation der Sprache völlig unnatürlich und überdreht klang. Es wurde eine aufmerksamkeitsheischende Art und Weise von Kommunikation vermittelt, in der es nicht mehr um den Inhalt, sondern allein noch um "das Reden um des Redens Willens" ging.


Einer der Protagonisten übertrumpfte den Anderen. Worum es ging? Wusste am Ende der Sendung keiner mehr. Synapsenknoten. Ego über Inhalt. 


Das Thema scheint im Feld zu liegen. 


Am gleichen Tag diskutierte ich mit meinem Pubertier, männlich, dreizehn über den Sinn des Rasenmähens und der Erarbeitung eines Referates. Der Pubertier erklärte beharrlich, dass er zu Beidem "keinen Bock" hätte und konnte nur schwer verstehen, warum es Sinn macht, in der Gemeinschaft der Familie Aufgaben zu übernehmen. Oder warum er den Klassenkameraden dienlich sei, wenn er sein Referat mit Disziplin und Sorgfalt vorbereite. Ego über Gemeinschaft. Synspsenknoten. Wegen Renovierung geschlossen.


Zwei Beispiele einer Entwicklung, die mir immer öfter auffällt. Die Gesellschaft scheint sich von einer Gemeinschaft weg, hin zu einer Vereinzelung zu entwickeln. Woran das liegt? Sicher an einer Familienpolitik, die selbige eher an den Rand drängt und das Individuum stärkt. Auch an den Angeboten unterschiedlicher Medien, die die Großartigkeit des Einzelnen in den Vordergrund stellen. Und sicher auch an unterschiedlichen Kräften, die ein valides Interesse daran haben, keine starke Gemeinschaft zu erleben.


Doch was macht es mit einer Gesellschaft wenn Ego über Inhalt und Gemeinschaft regiert? Schaut Euch um. Steht Einer für den Anderen ein? Hebt Einer freiwillig Papier von der Strasse und wirft es in einen Mülleimer? Trägt Einer dem älteren Herren die Taschen hoch? Giesst Einer die Blumen im Park bei 30 Grad? Jaaa, irgendeiner. Vielleicht. Warum grad ich? Oder Du? Weil schöne Dörfer und Städte, lächelnde und glückliche Menschen nur dann entstehen können, wenn ein Jeder von uns Eigenverantwortung übernimmt und seine Stärken nicht nur nutzt, um persönlich voran zu kommen, sondern auch und insbesondere um diese Stärken für die Gemeinschaft einzusetzen. Wie zum Beispiel die Generation, die genau das von Herzen getan hat und so trotz aller widrigen Umstände das Wirtschaftswunder geschaffen hat. Oder wie 1989 eine Gemeinschaft von Herzen ohne Mauern leben wollte und dies auch geschafft hat (Ungeachtet wofür diese Entwicklung genutzt wurde. Dies ist ein anderes Thema).


Wollen wir tatsächlich die Fähigkeit wundervolle Dinge zu erschaffen verstauben lassen, indem wir dem antrainierten Ego das Feld überlassen? Kann das Ego des Einzelnen auch derart Großes vollbringen? Oder kann es vielleicht sein, dass das Ego nur groß sein kann, indem es Anderes zerstört? Indem es verhindert, dass etwas Anderes oder jemand Anderes seinen von ihm beanspruchten Platz einnimmt? Du oder ich! 


Aber gerade die Synthese zweier Dinge oder auch menschlichen Stärken erschafft etwas neues Drittes. Dies ist das Prinzip der Liebe. Sie gibt etwas von sich zum Wohle der Gemeinschaft, damit etwas Neues entstehen kann. DAS kann das Ego nicht. Es kann nur abgrenzen und damit begrenzen.


Ich glaube, es ist absolut notwendig, dies wieder in das Bewusstsein der Gesellschaft zu rücken. Also leben wir es vor. Fordern wir es ein. Sprechen wir darüber. Für uns. Für unsere Kinder. Für unser Dorf, unsere Stadt und unsere Gesellschaft. Und letztlich dann für unser Land. Stehen wir zusammen. Gemeinsam.