Ottos Mops kotzt

Gestern morgen hatte ich ein wenig Zeit und habe mir daher in meinem Bioladen um die Ecke ein Dinkelbrötchen gekauft. An der Kasse lag wie immer die Gratis-Zeitschrift VeganWorld aus. 

 

Ich lese sie in der Regel gerne, doch heute wurde ich stutzig. Ein englischer Titel. Gabs VeganWorld nun auch in anderen Sprachen? 

 

Nein. Es war augenscheinlich "nur" ein Zeichen der fortschreitenden Anglisierung der Sprache. Schade. Ich mochte die Zeitschrift. Aber je mehr Anglizismen in die deutsche Sprache einwandern, desto patriotischer und heimatverbundener werde ich. In der Pflege von Traditionen. Und auch im Gebrauch meiner Muttersprache. Sie bietet so viele Möglichkeiten, die ja in der Essenz daraus entstehen, dass man eine Muttersprache intuitiv-emotional verwendet und sie häufig auf mehreren Bedeutungsebenen benutzt. 

 

Gerade in gesellschaftlich unruhigen Zeiten ist genau das unabdingbar. Sprache transportiert dann besonders viele Bedeutungsebenen. Menschen verpacken quasi ihre Botschaften in meist harmlosen Ausdrücken, Redewendungen und Begriffen. Wir kennen das aus Zeiten, in denen Zensur an der Tagesordnung war. Während dieser Zeiten wurde in der Regel neben der offiziellen Sprechweise noch eine informelle etabliert, um die eigentlichen, verbotenen Nachrichten zu transportieren.

 

Ein Beispiel, das ich letztens auf Instagram gefunden habe und das mich auf lustige Art und Weise an diese unterschiedlichen Ebenen von Sprache hervorragend erinnert hat, ist Folgendes:

 

"Man hat mir hier mal gesagt:

wenn man sich mag, dann duzt man sich.

 

Ich finde das sollten Sie wissen."

 

Hier kommen die unterschiedlichen Ebenen, auf denen kommuniziert wird excellent heraus, oder? Und so kann man Informationen transportieren, die erst auf den zweiten Blick sichtbar werden. Und manchmal auch nur von bestimmten Gruppen von Menschen dechiffriert werden können. Muttersprache fungiert dann als Geheimpost.

 

Die deutsche Lyrik und Prosa ist voll von dieser Geheimpost. Ein Gedicht von Ernst Jandl, dass mir aus meiner Schulzeit dazu im Gedächtnis geblieben ist, weil es auf den ersten Blick belanglos und dann aber voller gesellschaftskritischer und auch politischer Botschaften steckt, ist Folgendes:

 

ottos mops

ottos mops trotzt

otto: fort mops fort

ottos mops hopst fort

otto: soso

otto holt koks

otto holt obst

otto horcht

otto: mops mops

otto hofft

ottos mops klopft

otto: komm mops komm

ottos mops kommt

ottos mops kotzt

otto: ogottogott

 

Wundervoll, oder? 

 

Auch große deutsche Dichter wie zum Beispiel Goethe haben diese Art Botschaften zu verstecken gern verwendet. Ein besonders gelungenes Exemplar ist dieses:

 

Über allen Gipfeln ist Ruh'

Über allen Gipfeln Ist Ruh',

In allen Wipfeln

Spürest Du

Kaum einen Hauch;

Die Vögelein schweigen im Walde.

Warte nur! Balde

Ruhest du auch.

 

Vor dem Hintergrund von Goethes augenscheinlicher Logenmitgliedschaft und damit seinen Verbindungen zur "hohen Gesellschaft" ein hochpolitischer Text hinter der Naturbeschreibung. Aber ein Schelm, wer Böses denkt.... Doch nicht allein Botschaften lassen sich verstecken und mit den intuitiven Kenntnissen der Muttersprache entschlüsseln. Professor Mausfeld hat dazu einen langen und dennoch sehr guten Vortrag gehalten. Auch Gefühle können transportiert werden. Gefühle wie Angst und Bedrohung aber auch wie Gemeinschaft, Zusammenhalt und Liebe. Letztere werden dann durch die Verbindung der Muttersprache mit dem Vaterland und den darin informell vereinbarten Werten und idealerweise festgelegten Normen transportiert. In diesem Fall ist es besonders gut möglich, die unterschiedlichen Bedeutungsebenen gezielt zu verwenden und auch abzurufen. 

 

Allerdings ist es eben auch möglich, Muttersprache gezielt zu benutzen, um Begriffe, die in ihrer Bedeutung für das Volk unerwünscht sind, mit neuen Bedeutungsebenen zu versehen. Das ist dann eine Art Mißbrauch und Manipulation der Sprache. Wenn zusätzlich noch Begriffe der Muttersprache durch Anglizismen ersetzt werden, entstehen neue (erwünschte) Begrifflichkeiten mit neuen Bedeutungsebenen. Nur eben dann ohne Wurzeln. Ohne Herkunft und damit ohne Vaterland.

 

Muttersprache festigt also durch ihre Bedeutungsvielfalt den Bezug zur Herkunft. Herkunft ist dabei ebenso die Abstammung von den Ahnen als auch der Ort, an dem der Einzelne inkarniert ist. Die Scholle. Hier genau kann der Mensch, unter anderem mithilfe seine Muttersprache, Wurzeln schlagen. Auch wenn das manchen Menschen mißfällt. 

 

Daher kotzt nicht nur Ottos Mops bei der Unkenntlichmachung meiner Muttersprache, sondern ich auch. Und so werde ich umso mehr auf die Sprache achten und sie hüten, bis die Wurzeln wieder sichtbar werden. Denn die zeigen auch, woher wir als Volk kommen und erhellen an vielen Stellen, warum die Dinge so sind, wie sie derzeit scheinen.